Was dir niemand übers Soloreisen erzählt hat

Ich stehe im Silom Soi 4, der berühmt-berüchtigten LGBTQ+-Gasse im Bangkoker Viertel Si Lom. Es ist eng, laut, ausgelassene Stimmung. Überall leuchten die Röhren und LEDs. Gerade war ich in einer Bar und habe dort ein paar nette Bekanntschaften gemacht, ein zwei Stories zum x-ten Mal erzählt, aber es wurde nichts draus. Mir läuft ein halbvergessenes Gesicht entgegen – haben wir uns in Chiang Mai gesehen? Keine Ahnung. Das Pad Thai vom Stand um die Ecke stellt sich als mau heraus. Während ich etwas lustlos die Nudeln verspeise, lehne ich mich an die Wand und schaue den Massen zu.

Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?

Es ist ein einziges Abenteuer. Man trifft so viele Leute. Sieht Dinge. Probiert neues Essen. Geht feiern. Vergisst sich am Meer. 

Ein Traum, oder? Wenn sich da nur nicht die Realität einmischen würde. Sechs Dinge übers Solo-Reisen, die mir erst im Lauf der Zeit bewusst wurden.

Du verbringst mehr Zeit vor dem Bildschirm, als du willst

Viel mehr. Weil du die ganze Zeit was planen/buchen/canceln/recherchieren musst. Denk drüber nach: Du bist in einem fremden Land. Du bewegst dich von Ort zu Ort. So vieles, worüber wir uns zuhause keine Gedanken machen – ja, nicht einmal auf die Idee kommen, dass man sich darüber Gedanken machen könnte – ist auf der Reise plötzlich nicht mehr gegeben. Wo schlafe ich? Was gibt’s hier zu sehen? Kann ich das Leitungswasser trinken? Ist das vegetarisch? Kann ich mit dem Ticket auch Busse nutzen oder nur die U-Bahn? Mist, die Kreditkarte wurde gesperrt, wer ist zuständig? Der Bus für Freitag – muss bis heut Abend warten. Und ich sollte mich mal ums Visum für Thailand kümmern…

Auch wenn die Hostelmenschen Anlaufstelle Nr. 1 sind: Es gibt immer, immer irgendwas, das im Äther geklärt werden muss. Und das, obwohl ich höchstens 2-3 Tage im Voraus konkret plane. Krass, wie viel im Alltag einfach durch Gewohnheit geregelt ist.

Es ist unpraktisch und teuer

Mein Gott. Wie oft habe ich auf der Velotour meine laptopbepackte Seitentasche im Supermarkt rumgeschleppt, weil sie draussen easy geklaut werden könnte. Wie oft habe ich mich und meinen Rucksack an irgendeinem Bahnhof in ein enges WC gequetscht – und ihn dann beim Kacken auf dem Schoss gehabt, weil der Boden so dreckig war. Wie oft habe ich mir gewünscht, ach, jetzt wärs gut, würde jemand was für morgen planen und ich koche.

Manches ist zu zweit schon einfacher. Aber leider nein.

Neben dem Fakt, dass niemand auf dein Gepäck aufpasst, gibst du solo auch mehr Geld aus als zu zweit oder in einer Gruppe. Denn in manchen Ländern und insbesondere in ländlichen Gegenden gibt’s kaum Hostels. Zu zweit kannst du dann wenigstens die Hotelzimmer-Rechnung teilen. Weil Übernachtungen einen wesentlichen Teil des Budgets ausmachen, ist das ein Riesenunterschied.

Es kann einsam sein

Man trifft ständig neue Leute – und lässt sie auch ebenso schnell wieder ziehen. Man schliesst sich einer Gruppe an, macht was Cooles zusammen, und drei Tage später sind Sam und Aashna schon längst wieder über alle Berge. Es ist ein nicht endendes Kommen und Gehen.

So bleiben die Kontakte oft oberflächlich. Auch, weil alle schon wissen, dass es ein Ablaufdatum hat. Öfter als erwartet war ich umgeben von Leuten und habe mich trotzdem allein gefühlt. Erzählte zum x-ten Mal, woher ich komme und wohin ich gehe. Wen interessiert das schon? Es ist austauschbar. Es ist beim Reisen überraschenderweise wie sonst auch: Die Leute, mit denen man sich richtig gut versteht, sind nicht leicht zu finden. Umso schöner ist es, wenn es dann klappt!

Einmal habe ich mit einer supercoolen Gruppe aus verschiedensten Ecken der Welt eine Woche in Goa verbracht. Danach zog es alle in verschiedene Richtungen und es würde NIE wieder so sein. Im Nachtzug nach Mumbai war ich voll von Dankbarkeit für das Erlebte. Und auch ein bisschen Trennungsschmerz mischte sich rein.

Wie oft sich Einsamkeit einschleicht, hängt, neben vielen persönlichen Faktoren, auch vom Reisestil ab. Weil ich so viele Länder besucht habe, war ich bezüglich meiner Route recht unflexibel – es war immer klar, dass ich in der Tendenz gegen Westen reisen muss. So passierte es selten, dass ich mich einer Gruppe anschliessen konnte, ohne einen ziemlichen Umweg in Kauf zu nehmen. Das würde ich nächstes Mal anders machen. Lieber «nur» eines oder zwei Länder, dafür mich mehr treiben lassen mit den Menschen, denen ich begegne.

Du brauchst Ruhe

Ich glaube, die Leute glauben, dass Reisen permanent aufregend und spannend und verrückt ist. Jeder Tag ein Erlebnis. Ich habe das am Anfang auch gedacht. Doch schon nach wenigen Wochen merkte ich: Tag und Nacht im höchsten Gang zu fahren, ist verdammt anstrengend. Zuerst habe ich diesen Gedanken nicht weiter beachtet. FOMO lässt grüssen. Sicher nicht hänge ich den ganzen Tag rum, oder? Sonst verpasse ich ja noch was! Darauf hat sich mein Körper automatisch Ruhe geholt, indem ich ein paar Tage krank wurde. Oder zumindest angetätscht. Später habe ich selbst Pausen eingebaut, indem ich einfach an manchen Orten etwas länger geblieben bin.

Das Loch

Und dann gibt es noch ein Biest, das spielt in einer anderen Liga. Im Verborgenen bereitet es sich vor. Wer genau hinhört, ahnt ein Rumoren in der Tiefe. Meistens jedoch kommt es ziemlich aus dem Nichts.

Du bist in einem Top-Hostel. Die Lobby platzt vor spannenden Menschen. Du machst cooles Zeug. Aber irgendwas ist anders. Anders als vor einem Monat, und anders als du dir Reisen vorstellst. Die letzten zwei Wochen hing ein Schleier zwischen dir und deinem Reisealltag. Jedes Erlebnis kommt und zieht vorüber und alles vermischt sich zu einem Brei, den du zwar rühren kannst, der aber immer gleich aussieht.

Und plötzlich trifft es dich.

Du geniesst das Reisen nicht mehr.

Willkommen im Loch!

Oben habe ich temporäre Müdigkeit beschrieben, die aber mit etwas Rast schnell wieder verschwindet. Das Loch hat damit nichts zu tun. Nein, das Loch würde ich vielmehr als eine tiefe Erschöpfung und vor allem Unlust beschreiben, die nach Monaten des Reisens auftritt. Nach all den Tempeln, Bergen, Stränden, Städten und Gesichtern bist du völlig durch. Wenn du dich doch aufraffst, zum «bestest, secretest, beautifulest beach (with cocnut palms)» zu laufen, denkst du dort nur «gähn». Was für sich genommen unglaublich schön ist, geht in der Masse des Erlebten unter. Damit’s kein Missverständnis gibt: Ich hatte von Anfang an die Idee, nicht nur Sehenswürdigkeiten abzuklappern (sonst wird die Reise schon nach drei Wochen langweilig), sondern mich möglichst verschiedenen Erfahrungen ausgesetzt. Insbesondere habe ich versucht, mich mit Locals anzufreunden und mit ihnen ein paar Tage zu verbringen. Und trotzdem bin ich irgendwann im Loch gelandet.

Ich habe so viele Leute im Loch getroffen, dass ich behaupte, dass es eine fast-universelle Erfahrung bei Langzeitreisenden ist. Und die erste Reaktion ist auch immer dieselbe: Du fragst dich, was mit dir los ist, und fühlst dich schuldig. Schliesslich bist du auf deinem Grossen Abenteuer. Bist in einer wahnsinnig privilegierten Situation. Die wenigsten Menschen auf diesem Planeten können so etwas überhaupt erleben. Du MUSST jetzt gopfertammi Spass haben!

Das Wissen darum, dass das ein Luxusproblem ist, lässt das Loch jedoch nicht einfach verschwinden. Zwar versuchte ich, immer dankbar zu sein. Aber es ist wohl menschlich, dass alles nach wenigen Monaten zur neuen Normalität wird und nicht mehr so aufregend ist. Selbst eine Weltreise. Oft wird dann empfohlen, das Tempo rauszunehmen. Mal zwei, drei Wochen an einem Ort zu sein. Einen Volunteering-Einsatz zu machen. Auf jeden Fall musst du irgendwas an deinem Reisestil ändern. Und wenn das Loch auch nach längerer Zeit nicht weggehen will, ist das meist ein Zeichen, dass es Zeit wird, nach Hause zurückzukehren.

Ich bin in Korea ins Loch gefallen. Alles schien langweilig. Nachdem das Chinavisum gescheitert ist, habe ich mich entschieden, nach Südostasien zu gehen, weil dort der Backpackingstil ganz anders und viel sozialer ist. Ich merkte nämlich, dass das für mich in dem Moment sowieso viel mehr stimmt, als einsam durch China zu touren. Danke, chinesisches Visumszentrum! Und eine Zeitlang war es auch nochmal richtig geilomat. Aber in Bangkoks Silom Soi 4 hat sich das Loch erneut gemeldet. Und diesmal wusste ich innerlich: Mein Weg ist bald zu Ende. Ursprünglich wollte ich mindestens noch drei Monate Indien und Pakistan «machen». Stattdessen sass ich am nächsten Morgen im Café, fühlte mich leer und schaute mir Flugtickets nach Hause an. Das Resultat war ein Kompromiss: Ich werde nach Indien gehen, aber nur noch einen Monat. Und dort auch gezielt bestimmte Dinge ansehen, nicht mehr so völlig planlos umherwandern. Das hat funktioniert, weil der Schluss erstmals sichtbar wurde. Die selbstauferlegte Endlichkeit hat die verbleibende Zeit nochmals richtig wertvoll scheinen lassen.

Es gibt neben der mentalen Normalisierung der Reise-Erlebnisse meiner Meinung nach noch einen zweiten, tieferen Grund, warum das Loch früher oder später auftaucht. Es hat mit dem Warum des Reisens zu tun.

Eine Reise kann dich weiterbringen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt

Bei der Weltreise gings mir von Anfang an um eine Mischung aus Spass und persönlicher Entwicklung. Reisen wird manchmal als «finde dich selbst» gehypt, naja, ich hoffe, dass ich mich niemals selbst suchen muss, denn dann wäre zuvor ein Teil von mir abgetrennt worden, aber Spass beiseite, ein bisschen was ist schon dran. 

Erstens kriegst du Distanz zu deinem gewohnten Umfeld, hast deine Routinen nicht mehr. Rein schon deshalb kannst du klarer sehen, welche Teile deines Alltags gut für dich sind und welche weniger.

Zweitens gibt es unendliche Gelegenheiten, deine kleineren und grösseren Ängste zu konfrontieren. Zu schüchtern, Leute anzusprechen? Angst vor Höhe? Ungewissheit hältst du nicht gut aus? Wenn du dich ein bisschen auf die Reise einlässt und nicht nur am Handy hängst, wird sie dich automatisch aus der Komfortzone werfen. 

Und drittens, ganz wichtig, triffst du auf Leute, die dich inspirieren. Die die Dinge etwas lockerer sehen. Die die Sache, mit der du ringst, bewältigt haben (und ja, wir alle, alle ringen mit irgendwas in unserem Leben. Du bist nicht allein). Vielleicht ist das Fumiko, die einen mutigen Karrierewechsel gewagt hat. Vielleicht ist das Josh, der eine schwierige Familienbeziehung aufarbeiten konnte. Vielleicht ist es für dich jemand ganz anderes. Was auch immer dich beschäftigt, du wirst Leute finden, die genau das gemeistert haben. Und das macht Mut.

Eine Reise kann dir also neue Wege zeigen. So weit, so einleuchtend. Den Weg gehen – also dein Problem lösen – musst du aber immer noch selbst. Und genau das geht beim Reisen nicht, weil du ja nicht in dem Umfeld bist, wo sich dein Problem befindet. Reisen ist Lernen, nicht Schaffen. Dazu kommt, dass sich die Lernkurve abflacht. Irgendwann hast du deine Fumikos und Joshs getroffen. Irgendwann hat dir die Reise gezeigt, was sie dir zeigen musste. Egal wie viele Länder du dann noch besuchst, es ändert nicht mehr so viel. Dann bleibt nur der «Fun» übrig. Und der trägt dich vielleicht noch ein paar Monate weiter, reicht aber letztlich nicht aus. Die Reise wird zum leeren Eskapismus.

Wenn du ins Loch fällst, besonders wiederholt, ist das ein Signal, dass du vermutlich an diesem Punkt bist.

Spätestens dann wird es Zeit, sich zu überlegen, was als Nächstes kommt. Vielleicht ist das was ganz Neues, vielleicht das Bisherige mit umso mehr Überzeugung. Beides ist schön, denn in beiden Fällen hat dich die Reise etwas gelehrt. Auf jeden Fall muss irgendein Plan her.

Es gibt für alles eine Zeit. Eine Zeit des Reisens und Entdeckens, aber auch wieder eine Zeit des Wirkens. Und das ist gut so.


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