Es ist der 15. Dezember 2023, 02:00 in Chennai, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu, als das Fahrwerk meines Flugzeugs die Landebahn küsst. Für heute habe ich kein Hotel gebucht. Stattdessen werde ich am Flughafen übernachten und am Morgen mit der U-Bahn in die Stadt fahren. Die Luft ist frisch, nächtlicher Nebel verkleinert die Welt auf einen Radius von hundert Metern. Unter dem riesigen Vordach verkauft ein Stand Snacks. „Einen Kaffee, bitte.“ Der Verkäufer unterbricht ein Gespräch mit seiner Kollegin und antwortet so:
Was soll denn das jetzt heissen? „Haben Sie Kaffee oder nicht?“ Er wackelt wieder mit dem Kopf, ohne ein Wort zu sagen. Vielleicht eine Sprachbarriere? „Sir, verstehen Sie mich?“ Kopfwackeln. OK, mein letzter Versuch: „Kaffee ja oder nein?“ Ich unterstütze meine Frage mit Daumen hoch und Daumen runter. Und er antwortet in perfektem Englisch: „Ja, Brudi, natürlich habe ich Kaffee. Wir verwirren einfach gerne Besucher mit dem Kopfwackeln.“
Meine Güte. Da häts mi. Das könnte ja noch lustig werden in Indien.
(Erst später erfahre ich, dass diese Geste verschiedene Bedeutungen hat: Ich höre zu, OK, gut, ich verstehe, je nach Kontext. Aber wenn man sie lustlos ausführt, kann sie auch als höfliches Nein dienen …)
Die nächsten Tage verbringe ich damit, mich langsam an Indien heranzutasten. Es ist ein in vielerlei Hinsicht extremes Land, und es wartet nicht darauf, bis du dafür ready bist. Nein, Indiens Strassen sind laut, dicht und chaotisch, und sie hauen dir das ab Tag 1 um die Ohren. Es hupt unaufhörlich. Ständig will dir irgendwer irgendwas verkaufen oder dich aggressiv in seinen Laden locken, «special price my friend» (mhm). Dazwischen Chaiverkäufer, Bettler:innen, Tempel- oder Moscheengesänge, Schuhputzer und – weil’s so schön ist – ein Loch im Trottoir. Trottoirs sind verstellt mit allem möglichem, Töffs, Baumaterial, Strassenküchen, Kleiderstände, sodass es oft leichter ist, am Strassenrand zu laufen.
Es braucht ein paar Tage, bis ich mich an dieses Level an sensorischem Input gewöhnt habe. Ausserdem erwischt mich schon am zweiten Tag der berühmt-berüchtigte «Delhi Belly» (in meinem Fall eher «Chennai Belly»), und ich darf 36 Stunden scheissend und kotzend auf dem Hotel-WC verbringen.
Bald einmal gehe ich zum Bahnhof, um ein Ticket für die Weiterreise zu organisieren. Der Vorplatz ist geschäftig, schwarz-gelbe Rikschas kommen und gehen, which hotel you go Sir, you want chai Sir, ein Polizist bemüht sich, den Verkehr in geordnete Bahnen zu lenken. Am Schalter stehen zehn Leute dicht beieinander. Die kaufen sicher zusammen ein Ticket, denke ich, und stelle mich dahinter.
Komischerweise geht immer mal wieder jemand, und Neue stossen dazu. Sehr rasch wird klar: Das ist ganz und gar keine Gruppe von Freunden. Das ist purer Individualismus. Das Motto: Wer mehr drückt, ist schneller am Ziel. Du bist klein oder eher schlank gebaut? Tja, wie schade… Wann immer jemand sein/ihr Ticket bekommt, geht das Gerangel erneut los, bis wieder eine Gewinnerin feststeht. Danach herrscht eine angespannte Ruhe. Kurz stehe ich etwas perplex da, aber mein Ticket wird sich wohl nicht von alleine lösen. Also bringe ich meinen Körper selbst in Stellung und versuche, mit den Schultern die Überholmanöver der Nachkommenden zu verhindern.
Indien braucht also Flexibilität (wenn etwas anders läuft als geplant) und Rückgrat (beim Anstehen, aber z.B. auch, um nicht von den Händlerinnen und Taxifahrern über den Tisch gezogen zu werden). Wer das hat, oder es ganz schnell lernt, wird dafür belohnt mit einer kulturell unglaublich dichten Erfahrung. Ein Land mit 1.4 Milliarden Menschen (es hat 2023 China überholt), zig Religionen, hunderten Sprachen und tausenden Monumenten vergangener Imperien – langweilig wird’s nicht. Die verschiedenen Regionen Indiens haben jeweils eine starke eigene Identität, was sich beispielsweise im Essen oder den (meist religiösen) Festivals zeigt, die allesamt von lokalen Einflüssen gefärbt sind. Wenn man sich Indien eher wie ganz Europa vorstellt statt wie ein Land, wird die enorme Diversität etwas greifbarer. Schau dir das an:

Das alles wird untermalt von der Offenheit, mit der man als westlicher Tourist hier empfangen wird. Wahrscheinlich bekomme ich hier mehr Aufmerksamkeit als in meinen bisherigen 26 Jahren zusammen! Überall werde ich angesprochen. Woher kommst du? Wie heisst du? Bist du verheiratet? Bist du Christ? Kommst du aus den USA? Kann ich ein Foto mit dir machen? Ich auch? Ich auch, Bruder? Ich will auch! Es ist unerbittlich. Und manchmal, wenn ich anfange, eine Geschichte zu erzählen, hören am Ende zehn Leute zu. Es ist intensiv, aber ich muss gestehen, dass ich die Aufmerksamkeit schon geniesse.
Im nächsten Ort, dem südindischen IT-Hub Bangalore, treffe ich auf Phoebe, Lyman und Teagan aus den USA. Wir verstehen uns auf Anhieb und entscheiden, Neujahr zusammen in Goa zu verbringen.
Als wir dort den Bahnhof verlassen, sind wir – wie immer – sofort von einem Taxifahrerschwarm umgeben, der hyperaktiv um einen buhlt, sich einem in den Weg stellt und auch das dritte Nein stur überhört. Als Gruppe Übernachtungsmöglichkeiten zu beraten, ist so nicht möglich. Wir laufen weg vom Ausgang, setzen uns auf eine verlotterte Bank am Strassenrand und besprechen uns in Ruhe.
Goa verspricht Rausch, und hält das auch. Es ist ein Partyort, wo in typisch indischer Manier einfach alles ein bisschen extremer ist. Es gibt nicht vier, fünf Strandbars («shacks») vor deinem Hostel, sondern fünfzig. Wenn die Leute ein Bier trinken, trinken sie zehn. Nicht zwei Buden werben mit Marktschreiern um die Parasailing-Kundschaft, sondern zwanzig. Vor allem zwei Strände, Baga und Anjuna, sind so; an anderen Stränden gibt’s natürlich auch ruhigere Ecken, wo man unter einem wunderbaren Bambusdach einen New York Sour geniessen und den Wellen lauschen kann. Aber wer mich kennt, weiss, dass ich dort höchstens mal an einem Sonntag rumhängen würde, ansonsten stürze ich mich gerne mitten ins Gewusel.
Jeden Tag geht’s mit Phoebe, Lyman und Teagan zuerst zum Brunch an den Strand, danach wird geschwommen und gelesen, später machen wir einen Ausflug auf einen nahegelegenen Hügel, und den Sonnenuntergang geniessen wir mit einem Bier auf der Terrasse des Slow Tide Café. Ich knüpfe auch Kontakte mit Arif und Ikbal, die sich aus Delhi kennen, jetzt aber an verschiedenen Orten leben, sowie Ishan aus Hyderabad. Alle drei sind offene, herzliche Leute, die ich hoffentlich irgendwann wiedersehe. Es ist eine wunderbare Woche, ein bisschen wie Ferien von der Reise (was für ein Luxus-Statement!). Ich fühle mich in der feiernden Masse pudelwohl.


Am meisten bleiben wird mir der Silvesterrave im Shiva Valley, dem legendären Goa-Trance-Shack am Ende des Strandes. Der Club, eine überdimensionale Bambushütte, schmiegt sich in den Hügel hinter dem Strand. Palmen säumen das Gelände, und der Dancefloor ist eine Sandfläche, die gegen den Strand offen ist. Wie eine Zunge ins Meer ragende Felsen schliessen den Strand ab. Gibt es eine bessere Kulisse für einen Rave?
Nach einer Nacht, in der sich raven, Wasser trinken, am Strand Nudelsuppen holen und auf den Felsen ausruhen zu einem einzigen Brei vermischen, bekommt der Himmel rosarote Ränder und bald geht die Sonne auf. Shiva Valley ist nach wie vor prallvoll, erst in ein, zwei Stunden leert es sich langsam. Um 08:30 ist auch für Ishan und mich genug. Schweiss- und hormongebadet gehen wir am Strand nach Hause, die Wellen brechen leise, Vögel zwitschern. Einfach nur episch! Die Hängematten im Hostelhinterhof lachen uns nur so an, und wir lassen die Nacht ein bisschen ausbambeln. Zwischen den Palmen drückt die Sonne durch und begrüsst uns im neuen Jahr. Es ist der reinste Frieden.

Die Reise geht weiter nach Rajasthan, in den trockenen Nordwesten Indiens. Während Udaipur, Jodhpur und Jaisalmer wunderschöne Städte sind, deren Besuch ich nur empfehlen kann, überspringe ich den Reisebericht, um eine Geschichte aus Jaipur zu erzählen.
Mein Zug bremst quietschend in Jaipur Junction, und wimmle sogleich einmal mehr eine Gruppe Tuk-Tuk-Fahrer ab. «Which hotel?» «No hotel, train to Agra». Ich kaufe Samosa, setze mich auf eine Bank und warte auf meinen Anschluss nach Agra. Ein anderer Fahrer (er stellt sich später als Lucky vor) kommt auf mich zu und ich mache mich schon mental bereit. «Sorry, ich muss nach Agra. In vier Stunden». «No problem» – unterstützt von einem Kopfwackeln – «ich fahre dich herum. Die Express-Jaipur-Tour. Für 250 Rupien». Eine gute Idee, da bin ich dabei!
Eine Stunde später gesellt sich Luckys Freund Juber dazu, auch er ein Tuk-Tuk-Fahrer, «to do timepass», also um Zeit totzuschlagen. Sie fragen mich, ob ich ihr Daheim sehen möchte. Hmm, ob das eine gute Idee ist? Aus meinem Langzeitgedächtnis drängt sich eine Erinnerung an San Francisco hervor. Nach kurzer Diskussion findet sich eine Lösung. «Ich schicke ein Bild von euch samt Nummernschild an einen Freund.» «Ja, und hier ist meine Identitätskarte auch noch». «OK gebongt».

In Indien ist Religion ein politisch aufgeladenes Thema, und das spiegelt sich in den Wohnverhältnissen. Gemischte und stark segregierte Viertel wechseln sich ab. Juber und Lucky sind Muslime in einem muslimischen Viertel. Die Regierung der BJP verhehlt nicht, dass sie Indien zum Hindustaat umbauen will. Der Säkularismus der Verfassung ist ihr ein Dorn im Auge. Die durchaus aktive indische Zivilgesellschaft kann dem Rechtstrend aktuell leider nicht viel entgegensetzen.
Wir fahren langsam rein, Juber grüsst ununterbrochen irgendjemanden, ich ziehe ununterbrochen Blicke an. Juber ist hier so was wie ein freiwilliger Sozialarbeiter: Er hält, wenn’s grad keine Kundschaft gibt, einen Schwatz mit dem Ex-Bauarbeiter, der bei einem Unfall den rechten Fuss verloren hat. Schaut, dass die Nachbarskinder zur Schule gehen. Treibt bei einem Notfall Geld zusammen. Er lacht viel. Grinst schelmisch, als er jemanden von der «falschen» Seite an die Schulter tippt. «Nie vergessen, Spass zu haben». Beeindruckende Worte von jemandem, der tagein, tagaus am Bahnhof um Kundschaft kämpfen muss. Das ist extrem hart. Das Einkommen dafür dünn. Und trotzdem hat er die Energie, sich um andere zu kümmern. Wie schafft er das?
Vielleicht, weil er eine Familie hat, die ihm immer wieder Kraft gibt. Wir kommen bei ihrem Haus an. Es ist eines von einem knappen Dutzend Häusern, die sich um einen kleinen Platz schmiegen. Neun grün-gelbe Tuk-Tuks stehen in einer Ecke. In der Mitte ist ein Wasserbrunnen, der nur noch selten genutzt wird, seit sie hier Leitungswasser haben. Die Häuser sind feste, aber einfache Bauten – ganz sparsame Dekoration, keine komplizierten Strukturen, nichts, das Platz oder Geld verschwendet. Zehn Familienmitglieder von klein bis gross leben in fünf Zimmern. Juber selbst ist unverheiratet.
Die Küche ist Sache von Mutter und Schwestern; wir bekommen ein wunderbares Aloo gobi, ein Kartoffeln-Blumenkohl-Curry, mit Naan. «Unsere Gemüsehändler werden von vielen Hindus gemieden», sagt Juber. «Die Stromrechnung von allen hier ist doppelt so hoch wie die unserer Hindu-Nachbarn.» Verifizieren kann ich das nicht. Klar ist jedoch, dass die muslimische Minderheit zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt ist.
Danach gehen wir aufs Dach. Heute und morgen findet ein Drachenfestival stattfindet, und es nimmt nach dem Mittagessen richtig an Fahrt auf. Es ist so gut, dass ich kurzerhand entscheide, etwas länger in Jaipur zu bleiben.
Ziel ist, mit raschem Einholen des eigenen Drachens die Schnur eines anderen zu kappen. Jedes Dach gegen alle anderen. Das Ganze erfordert einiges an Geschick. Erst kurz vor Dunkelheit schaffe ich es, den Drachen autonom zu starten und in der Luft zu halten.
Am nächsten Tag sind wir wieder auf dem Dach, durchtrennen genüsslich Schnüre, da ändert sich die Atmosphäre plötzlich. Gerade war die Dächerlandschaft noch von warmem, fröhlichem Gelächter erfüllt, doch zunehmend aggressive Zwischenrufe werden unüberhörbar. Lucky und seine Freunde steigen runter in die Gasse, kurz darauf auch Juber. Er ruft noch: «Komm nicht!».
In der Gasse, die vom Platz wegführt, hat sich eine Menge von einigen Dutzend Menschen, geteilt in zwei Lager, gebildet. Es wird geschubst und geschrien, zugehört ganz bestimmt nicht, und kurz darauf bricht eine Massenschlägerei los. Ich verstecke instinktiv mich hinter der Dachmauer, will auf keinen Fall, dass man mich sieht, solange ich nicht weiss, was genau abgeht. Auf dem Nachbarsdach beginnen zwei Leute, Ziegelsteine runter in die Menge zu werfen. Schreie, Schläge, irgendwas zerbricht klirrend. What. The. Hell.
Nach einer Ewigkeit, ergo zwei Minuten, ist der Spuk vorbei. Kurz zuvor haben zwei durchdringende Stimmen «Stooop, stooop» gerufen. Als Juber & co. langsam wieder zurückkehren, zum Glück unverletzt, frage ich sofort, was los war. «Keine Ahnung», sagt einer. «Aber Hauptsache, dabei sein.» Jemand meint dann, es sei um einen Streit zwischen ein paar Kindern gegangen, in den sich dann die Familien eingemischt haben. «Das Übliche halt». Das Übliche? Ergebnis des Üblichen sind zwei Leute im Spital, diverse Prellungen und eine kaputte Windschutzscheibe vom Tuk-Tuk. Klingt nicht nach viel, aber bedeutet, dass drei Einkommen mehrerer Wochen ausradiert wurden. Wegen einem Furz. Was macht das für einen Sinn? Ich probiere es mal so: Politische Marginalisierung, fehlende ökonomische Perspektiven, jeden Tag Konkurrenzkampf, keine Aussicht auf Verbesserung – der Frust ist so dick wie ein Dal Makhani. Wenn der keinen anderen Ausweg, z.B. in politischer Arbeit, findet, entlädt er sich halt auf diese unkontrollierte Weise.
Die zwei Tage in Jaipur sind das Highlight meines Indien-Trips. Von den Sehenswürdigkeiten habe ich nichts gesehen. Aber es ist egal. So einen Einblick in eine Community werde ich so schnell nicht mehr bekommen. Der Abschied am Bahnhof ist einer der härteren.
Zuletzt verbringe ich einige Tage in Delhi. Der 33-Millionen-Hauptstadt, die Leute aus dem ganzen Land anzieht. Dem Endboss aller Städte quasi, weil die Energie und das Chaos auf den Strassen hier einfach noch einmal auf dem nächsten Level sind.
Und dann ist es tatsächlich so weit.
Etwas, das ich mir lange Zeit nicht wirklich vorstellen konnte, so weit weg war es.
Ich bin am Ende der Strasse angelangt.
Sieben Monate. Sieben Länder. Einfach fertig, Aus, Schluss. Es ist surreal. Ist das alles wirklich passiert?
Ich werde das in einem nächsten und letzten Post reflektieren. Hier bleiben wir noch bei Indien.
Du bist unglaublich. Du hast mich daran erinnert, dass das Leben nicht der geplanten Gerade folgt – nein, es ist ein Tanz, zwischen Mofas und Tuk-Tuks, in Schlangen und vollen Zügen, voller Wendungen und Wirbeln. Gelegentlich wackelt der Kopf dabei. Ich nehme ein Stück von dir mit und bewahre es für immer bei mir auf.
Indien, du hast mein Herz.